KLOSTER VOLLER ALTÄGYPTISCHER SCHÄTZE

Autor: JAN H. VITVAR

5. 8. 2023, 16:51

Heute das ehemalige Benediktinerinne Kloster St. Gabriel Gabriel Loci. Der monumentale Komplex mit seiner charakteristischen Backsteinfassade, die an ein altes englisches Herrenhaus erinnert, das sich an den Hängen des Berges Petřín (Laurenziusberg) im Prager Stadtteil Smíchov erhebt, ist den Besuchern des Designblok-Festivals, Film und Kunstschaffenden, die hier ihre Ateliers haben, und denen, die in diesen Wochen zum Sommerkino kommen, bekannt. Ursprünglich aber war es das Kloster St. Gabriel, in dem Ende des 19. Jahrhunderts die Benediktinerinnen von Beuron Zuflucht fanden.

Das geheimnisvolle Wort Beuron ist der Schlüssel zur Geschichte des Gebäudes – es macht es zu einem einzigartigen Kulturdenkmal, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Die Vergangenheit des seit langem verlassenen Klosters ist heute für die meisten Menschen vergessen. Doch die Frage nach seiner Zukunft ist ebenso spannend. Nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf hat der neue Eigentümer die Anlage in ein Kulturzentrum umgewandelt. Dieses ist jedoch nur vorübergehend und soll nach der Renovierung durch ein Hotel ersetzt werden. Für diejenigen, die mit dem Verhältnis lokaler Bauherren zu Denkmälern vertraut sind, klingt das beängstigend, aber diejenige, die am meisten über das Kloster weiß, hofft immer noch, dass in Smíchov vielleicht ein kleines Wunder geschehen möge.

Flucht vor Bismarck und Masaryk (erster Präsident der Tschechoslowakischen Republik)

So zumindest beschreibt Monica Bubna-Litic das aktuelle Geschehen, als sie die Verkündigungskirche, die an der Südostecke des ehemaligen Klosters steht, mit einem massiven Schlüssel für einen journalistischen Besuch aufschließt. „Als ich vor dreiunddreißig Jahren hierher kam, gab es in der Kirche so gut wie kein Inventar außer den Kirchenbänken und einem Gitter„, erinnert sie sich an die Zeit, als sie begann, die Sonntagspredigten von Václav Malý in den Räumlichkeiten zu besuchen. Für den Pfarrer, der durch sein Auftreten von Demonstrationen während der Samtenen Revolution berühmt geworden war, eröffnete sich die Gelegenheit, nach dem Sturz des Regimes offiziell die geistliche Leitung zu übernehmen.

Umgang um die Apsis der Kirche – Milan Jaroš

Die zierliche Frau, die durch die Kirche geht, hieß damals noch Monica Sebova. Der heutige Weihbischof Prags Václav Malý erregte ihre Aufmerksamkeit nicht nur durch seine Erklärung des christlichen Glaubens, sondern auch durch seine Analyse der Kunst, mit der die Kirche geschmückt war. Damals hörte sie zum ersten Mal den Begriff „Beuroner Schule“ – eine Bezeichnung für den unnachahmlichen künstlerischen Stil des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der etwas so scheinbar Unvereinbares wie die Lehren der katholischen Kirche und die altägyptische Kunst zusammenbrachte. Monica, die nach der Revolution zu ihrem adeligen Familiennamen Bubna-Litic zurückkehrte, war von der Geschichte dieser Kunstepoche so gefesselt, dass sie beschloss, die nächsten Jahrzehnte ihres Lebens dieser Epoche zu widmen.

Heute ist sie Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Beuroner Kunst und führt im Rahmen der Aktivitäten der angeschlossenen Stiftung Malakim regelmäßig an Wochenenden Führungen durch das Gelände des ehemaligen Klosters Smíchov durch (die Führungstermine siehe Website der Stiftung). Erst mit der Zeit entdeckte sie, dass ihre Leidenschaft für die Beuroner Kunst möglicherweise tiefere Wurzeln hat. Die Familie Bubna-Litic, oder Bubna von Lititz, die das Schloss Doudleby im Adlergebirge gehört, ist mit der Familie Swéerts-Sporck blutsverwandt. Und es war Gräfin Gabrielle Swéerts-Sporck, die Ende des 19. Jahrhunderts den Bau des Klosters Smíchov finanzierte, das noch heute nach ihrem Schutzpatron benannt ist.

Aber wir müssen noch weiter zurückgehen, um zum Kern dieser bemerkenswerten Geschichte vorzudringen. Bis ins Jahr 1873, als die Brüder und Benediktinermönche Maurus und Placidus Wolter die Beuroner Kongregation in Beuron im Südwesten Deutschlands gründeten. Als besonderer Ableger des Benediktinerordens machten sie sich daran, den christlichen Glauben durch einen völlig neuen künstlerischen Stil zu verbreiten. Zu diesem Zweck wurde die Beuroner Kunstschule gegründet, in der die Ordensmitglieder lernten, im Sinne der neuen Prinzipien zu malen, zu formen und zu gestalten.

Peter Lenz war Initiator und Wortführer der Beuroner Schule. Später nahm er den Klosternamen Desiderius annahm. In einer Zeit, in der die europäische Kunst (auch die religiöse) vom akademischen Realismus beherrscht wurde, mit Bildern, die realer zu sein versuchten als die Wirklichkeit, wollte Lenz zu den spirituellen, zeitlosen Wurzeln der Zivilisation zurückkehren, wo die Form der Kunst den Betrachtenden nicht vom Inhalt ablenken würde. Und er fand sie im alten Ägypten, obwohl er nie in Afrika gewesen war, und antike Stiche und Gemälde nur in Fotografien und Zeichnungen erkundet hatte. Das Ergebnis war der „Beuroner Kanon„, in dem die ideale Darstellung des männlichen und weiblichen Körpers einer präzisen geometrischen Konstruktion mit gleichseitigen Dreiecken, Kreisen und Quadraten folgt, die der Figur eingeschrieben sind.

Die Zellen, die der Meditation und dem Schlaf dienten, waren mit Gipskartonwänden abgetrennt.

Die politischen Entwicklungen in Europa sorgten dann dafür, dass der Ruhm dieser Kunst nicht von Deutschland, sondern von den böhmischen Ländern ausging (Prag wurde von 1891 bis 1919 das Zentrum der Beuroner Kunst). Kurz nach der Gründung der Beuroner Kongregation startete Reichskanzler Otto von Bismarck denKulturkampf“ gegen die katholische Kirche. In dem Bemühen, den Einfluss des Vatikans auf den vereinigten deutschen Staat zu begrenzen, begann er, Klöster zu schließen. Die Beuroner Gemeinschaft zog daher zunächst nach Österreich und 1880 von dort nach Böhmen. Genauer gesagt nach Prag, wo sie zunächst das Emaus-Kloster übernahm.

Acht Jahre später bauten die Ordensbrüder (beuroner Emausiner)auf der anderen Seite der Moldau in Smíchov ein Meisterwerk, das erste Frauenkloster der Beuroner Kongregation. Der Bau des Klosters St. Gabriel mit einer Kirche im neoromanischen Baustil wurde von der bereits erwähnten Gräfin Gabrielle Swéerts-Sporck gestiftet. Seine Bauzeit dauerte nur drei Jahre. Der Autor der kompletten Ausmalung war Gründer der Beuroner Kunst, P. Desiderius Lenz OSB.  Die Ausschmückung der Anlage dauerte noch lange nach ihrer Fertigstellung an. Einiges blieb unvollendet. Da kam der Oktober 1918, die Tschechoslowakei wurde gegründet und die Geschichte der Flucht wiederholte sich.

Auch Masaryks Republik versuchte, den Einfluss des katholischen Roms auf den Staat loszuwerden. Der mehrheitlich deutschsprachige Orden spürte, dass er hier nicht mehr willkommen war. Die Ordensschwestern beschlossen daher, in das immer noch stark katholische Österreich zu gehen und verkauften 1919 die Räumlichkeiten an das Post- und Telegrafenministerium. Sie nahmen das Mobiliar in dutzenden von Güterwaggons mit und trennten sich vom Kloster mit einer einzigen Verkaufsbedingung, die glücklicherweise bis heute gültig ist: Die Verkündigungskirche muss weiter für religiösen Zwecken vorbehalten bleiben.

Die Spur führte zu den Schwarzenbergs

Das Gotteshaus wurde nie entweiht. Während das Kloster in den folgenden Jahrzehnten (oft drastische) bauliche Veränderungen erfuhr, ist die Kirche in der Form erhalten, in der sie vor mehr als hundert Jahren errichtet wurde. Hinter dem Altar ist noch ein von Desiderius Lenz auf Holztafeln gemaltes Gemälde mit der Madonna als Sitz der Weisheit an der Wand befestigt. Darüber blickt aus dem Gewölbe der Apsis ein Fresko des herrschenden Christus herab, und das Altarbild ist von monumentalen Engelsfiguren umgeben, die von den Nonnen unter Lenz‘ Leitung in der Apsis geschaffen wurden.

Das Hauptwerk von Lenz befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite. Über dem hölzernen Winterchor, wo heute die Orgel steht, malte Lenz eine Pieta, deren Form recht ungewöhnlich ist: Der tote Christus ruht nicht in den Armen seiner Mutter Maria, sondern liegt vor ihr auf einem Steintisch, teilweise in Binden gehüllt. Die Szene erinnert nicht an die Ereignisse unmittelbar vor der Auferstehung, sondern an die Einbalsamierung der Pharaonen. Dieser Eindruck wird durch einen hölzernen Falken, ein traditionelles Attribut des altägyptischen Himmelsgottes Horus, bestätigt, der vor dem Hauptaltar auf dem Lesepult sitzt, von dem aus die Bibel verlesen wird. Nirgendwo sonst auf der Welt kann man so etwas sehen.

Noch vor ein paar Jahren hätte man in Smichov vergeblich nach einem Falkenpult gesucht. Zusammen mit anderen Einrichtungsgegenständen verschwand es 1919 in Österreich und ist dank der Nachforschungen von Monica Bubna-Litic kürzlich (2008) nach Prag zurückgekehrt. Auf der Suche nach dem Kirchen- und Klostermobiliar begab sie sich zunächst in das Kloster St. Gabriel auf der Burg Bertholdstein an der Grenze zu Slowenien und Ungarn, (dann in das Diözesanmuseum in Graz). Hierher waren die Nonnen 1919 auf Einladung der Familie Schwarzenberg aus Prag geflüchtet. Ein Mitglied der Gemeinschaft von Smíchov war Benedikta von Schwarzenberg, die1922 Äbtissin des neuen Klosters in Österreich wurde. Und wie sich herausstellte, wurden die Stühle, Tische, Sessel und andere Einrichtungsgegenstände von ihren Mitschwestern gut gepflegt.

Monica Bubna-Litic hat anhand von Fotografien aus dieser Zeit ermittelt, was ursprünglich für das Prager Kloster Smíchov geschaffen worden war. Und als die Schwestern 2008 in ein neues Kloster in St. Johann bei Herberstein umzogen, beschlossen die Benediktinerinnen der immer kleiner werdenden Gemeinschaft, die Gegenstände an ihren ursprünglichen Standort zurückzubringen. Monica Bubna-Litic verhandelt derzeit mit dem Orden über die Rückgabe der Zinkstatue des Erzengels Gabriel, die früher auf dem Dach über dem Haupteingang der Kirche stand; eine Nachbildung befindet sich jetzt in der Kirche.

Do kostela sice zatékalo a některé fresky jsou kvůli tomu poničené. Jinak ale chrám až na zazdění chóru věrně připomíná svůj historický účel. Včetně dochovaných citátů z Bible napsaných na zdi v češtině a němčině. Se zbytkem kláštera je to složitější. Pošta v něm už za 1. republiky přestavěla, co se dalo. Centrální rajskou zahradu, kde řádové sestry pěstovaly bylinky, vydláždili, zastřešili a umístili do ní šekový úřad. Později ho proměnili na muzeum, kde vystavovali pošťácké povozy a během normalizace sem byl umístěn sklad s regály na složenky.

Kreuzgarten – Milan Jaroš

Das Memento der zerstörten Jünger

Die Klosterbibliothek mit erhaltenen Holzregalen und einer noch funktionierenden mobilen Leiter ist sehenswert. Die umliegenden Grundstücke, auf denen die Nonnen Wirtschaftsbetriebe hatten und z.B. Getreide für Brot anbauten, das sie an die Armen von Smíchov verteilten, wurden von den Behörden abgeriegelt, und es ist nun unmöglich, vom Gelände nach Petřín zu gehen (ein Durchgang ist im Rahmen der bevorstehenden Rekonstruktion geplant).
Das Atelier des hl. Lukas mit seinem großen Fenster, in dem Desiderius Lenz einst Nonnen das Malen lehrte, ist von Innen in vier Teile verteilt. Das Fresko des gekreuzigten Christus vor der Haupttreppe, von dem nur noch der obere Teil sichtbar ist, hat das gleiche Schicksal erlitten. Neue Schichten leider auch technischer Farbe haben fast alle Wände des Klosters bedeckt. Die Wandmalereien inspirierten Alfons Mucha zu seinen Jugendstilgemälden und František Bílek zu seinen ornamentalen Schriften. Die Meditations- und Schlafzellen wurden mit Gipskartonwänden verkleidet und die Parkettböden mit Linoleum beklebt.

Bibliothek – Milan Jaroš

Die bizarre Mischung historischer Instututionen bei einem Spaziergang durch das Gelände wird durch die derzeitigen Belegung des Klosters noch verstärkt. Im Jahr 2020 wurde es von der Tschechischen Post für 353 Millionen an die Investmentgruppe CIMEX verkauft, die es in ein Fünf-Sterne-Hotel mit 180 Zimmern verwandeln will. Natürlich verspricht sie, den kulturellen Wert des Klosters so weit wie möglich zu respektieren – schließlich sind das Kloster und die Kirche seit 1964 ein Kulturdenkmal.

Vor dem Umbau und der Renovierung benannte CIMEX das Gebäude in „Gabriel Loci“ um und widmete es kulturellen Aktivitäten. In den Räumen des Klosters haben etwa zwanzig Künstler ihre Ateliers untergebracht. Das beliebte Designblok-Festival fand hier bereits dreimal statt, die Sommerbühne zeigt in den Ferien Filme und spielt Theater, und vorletzte Woche gab der Komponist Karel Havlíček in der Kirche ein Klavierkonzert mit DJ-Set. Auch Filme werden hier gedreht. Mit Monica Bubna-Litic gehen wir vom ehemaligen Kreuzgarten zu einen New Yorker Waschsalon, der in einem der Räume von Filmemachern eingebaut wird.

Neben den Filmemachern ist das Kloster seit kurzem auch von Restauratoren besetzt. Seit Juli haben Studenten der Fakultät für Restaurierung der Universität Pardubice in Litomyšl damit begonnen, mit Hilfe von Sonden die ursprünglichen Malereien in den Räumen freizulegen und herauszufinden, wo die Beuroner Fresken erhalten geblieben sind. Geführt werden sie von der Restauratorin Sr. Petra OSB, die ihre Diplomarbeit über die Beuroner Kunst geschrieben hat.

Die Pläne der CIMEX-Gruppe sind noch nicht öffentlich. Nach Angaben des Direktors für die Entwicklung des Klosters, Architekten Jiří Bartoš, beruhen sie jedoch auf der Tatsache, dass das Kloster ursprünglich als Unterkunft konzipiert war und auch genutzt wurde, so dass sich nur die Klientel ändern wird.

Monica Bubna-Litic erwartet dringend diese Bewahrende Zukunft. Während sie sich ihren Weg durch die weitläufigen Gänge bahnt, deren schäbiger Zustand deutlich macht, dass es mit minimalen Eingriffen nicht getan sein wird, ist die Vorfreude auf die zu erwartenden Schätze, die der einzigartige Komplex noch birgt, ungetrübt. Es begann mit einer grundlegenden Untersuchung der Wände, unter denen die Fresken verborgen sein sollen, deren Aussehen – zum Beispiel im riesigen Speisesaal – wir heute nur von mehr als hundert Jahre alten Fotografien kennen.

Milan Jaroš – Monica Bubna-Litic im der Kapitelsaal

„Wir möchten die Wandmalereien im Kreuzgang freilegen und erhalten, damit Besucherinnen und Besucher sie bewundern können, und wir planen auch die Rekonstruktion der Kirche der Verkündigung der Jungfrau Maria“, fügt Bartoš im Namen des Bauherrn hinzu. Es sei schwierig abzuschätzen, wie lange die Arbeiten dauern werden, sagt er, und ebenso schwierig sei es, die Investitionen zu beziffern. Sie hängen nicht nur davon ab, was bei der Untersuchung entdeckt wird, sondern auch von der Kostenentwicklung für Material und Arbeit.

Wie genau die Innenräume des zum Hotel umzubauenden Klosters aussehen werden, wird derzeit innerhalb des Unternehmens diskutiert, und natürlich werden auch die Denkmalpfleger ein Wörtchen mitzureden haben. Als Mahnung zu Vorsicht könnte das Fresko gelten, das sich in der Nähe des Schlafzimmers der ehemaligen Äbtissin befindet. Es zeigt drei Emmausianer-Jünger. Ihre Gesichter mit den Heiligenscheinen wurden jedoch vor Jahren von Arbeitern, die Elektrizität montierten, zerhackt und mit Mörtel über die Inschrift „Mane nobiscum Domine“ („Herr, bleibe bei uns„) überdeckt.

Zeitschrift RESPEKT: https://Respekt.cz/tydenik/2023/32/Klaster-plny-starovekeho-Egypta